Frauen an der Grenze
Interview mit Francisco Lagüera Conde von Dorothee Robrecht, www.dorothee-robrecht.de
© Francisco Lagüera Conde
Der spanische Fotojournalist Francisco Lagüera Conde hat Frauen porträtiert, die da leben, wo Europa an Afrika grenzt - im südlichen Spanien und in Marokko. Seine Fotos wurden u.a. in der Newsweek, der Los Angeles Times und der ZEIT publiziert. Er hat Fotojournalismus an der New York University studiert, als Fotograf in Russland, dem Mittleren Osten, China und Ostafrika gearbeitet. Seit 2006 lebt er in Südspanien und Berlin und porträtiert vor allem Immigranten und andere Minderheiten. Vom 22. Mai bis zum 19. Juni sind seine Fotos in der Galerie Pflüger68 zu sehen.
Herr Conde, was hat Sie an gerade dieser Grenzregion interessiert?
Nirgendwo liegen das muslimische Afrika und das christliche Europa so nah beieinander wie im Gebiet nördlich und südlich der Straße von Gibraltar. An ihrer schmalsten Stelle ist sie knapp 15 km breit, aber sie trennt Welten. Das war früher anders, Araber lebten in Spanien und Spanier in Marokko. Aber jetzt ist hier eine Grenze, die für Menschen außerhalb der Eurozone kaum zu überwinden ist, und das schafft eine ganz eigene Atmosphäre und Energie.
Wie würden Sie diese Energie beschreiben?
In den Medien liegt der Fokus auf dem Elend - was einem sofort in den Kopf kommt, sind die Bilder kenternder Flüchtlingsboote. Aber wenn man dort lebt, und das habe ich mehrere Jahre lang getan, nimmt man auch etwas anderes wahr: Die ganze Region ist ein Kraftfeld der Illusionen. Die Lebensumstände sind rau, auf beiden Seiten der Grenze, nicht nur im Norden Marokkos, auch in Andalusien. Hier leben viele, die auf eine bessere Zukunft hoffen. Und die Hoffnung lässt die Menschen strahlen. Dieses Strahlen will ich zeigen.
Sie zeigen in der Ausstellung nur Porträts von Frauen. Warum?
Ich habe auch Männer fotografiert, aber letztlich sind es die Frauen, die das Prinzip Hoffnung verkörpern. Patriarchal sind die Strukturen auf beiden Seiten der Grenze, und in patriarchalen Gesellschaften sind es ja oft die Frauen, die dafür sorgen, dass das Leben weitergeht, trotz aller Katastrophen. Die alte Zigeunerin zum Beispiel, die ich in Almería fotografiert habe, hat den Absturz ihres Clans aufgefangen. Ihr Vater war ein berühmter Stuntman, ein Freund von Clint Eastwood und Sergio Leone, aber dann verblasste sein Ruhm, Heroin kam ins Spiel, und wäre sie nicht gewesen, wäre der ganze Clan schlicht kollabiert.
Wie haben Sie die Frauen, die Sie porträtiert haben, ausgewählt?
Ich war viel unterwegs in der Region und habe Frauen, die mir aufgefallen sind, einfach angesprochen. Man muss ein bisschen vorsichtig sein, einige haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Fotografen, von denen sie sich bloßgestellt fühlten. Eine Frau zum Beispiel hat mir erzählt, wie wütend sie war, als sie ihr Gesicht in einer Reportage wiederfand, die Exotik und Elend der Zigeuner beschrieb. Das hat ihre Würde verletzt, und genau das will ich nicht: ich will individuelle Schönheit zeigen - jeder Mensch, jede Frau ist schön -, und wenn sie das verstanden, haben sie mir vertraut.
Eins Ihrer Porträts zeigt eine junge schwarze Frau mit Kind auf dem Schoß, aufgenommen in einem Flüchtlingslager in Marokko. Pose und Ort lassen an die Bibel denken, an Maria im Stall mit dem Jesuskind. Inszenieren Sie Ihre Fotos?
Nein, ich beobachte nur und fotografiere die Frauen so, wie sie sich geben. Diese junge Frau war unglaublich souverän, sie hatte es aus Nigeria bis hierher nach Nordafrika geschafft, und sie war sich ihre Lage absolut bewusst. Sie wusste, dass die Flucht übers Mittelmeer zu riskant ist, und sie hatte sich entschieden, in dieser Plastikhütte zu leben, da wo sie und ihr Kind sicher waren, vorübergehend zumindest. Diese Joy war kein naives und gutgläubiges Opfer, sondern eine Frau, die wusste, was sie tat. Und da war sie nicht die einzige: Ich habe in diesem Lager auch zwei junge Frauen getroffen, Teenager noch, beide Flüchtlinge aus der Subsahara. So jung sie waren – sie waren selbstbewusst, und sie hatten ein Ziel vor Augen.
Beide sehen "cool" aus in Ihren Porträts.
Sie waren cool, ich habe sie nicht gestylt, ich habe ihre Coolness nur sichtbar gemacht. Cool, wenn Sie so wollen, waren viele der Frauen, die ich fotografiert habe. Auch das Mutter-Tochter Paar, das in Marokko eine Hanfplantage bewirtschaftet: Das sind Geschäftsfrauen, die ein Unternehmen am Laufen halten, und das - weil illegal - unter erschwerten Bedingungen. In ihnen rückständige Repräsentantinnen der dritten Welt zu sehen, wäre völlig verfehlt.
Verbinden Sie eine politische Botschaft mit Ihren Bildern?
Nein, es geht mir nicht um Politik, sondern um Wahrnehmung. Es gibt eine Schönheit, die mit innerer Stärke zu tun hat, mit dem Willen, sich nicht limitieren zu lassen, auch durch politische Grenzen nicht. Diese Schönheit transzendiert Politik, sie verweist auf ein menschliches Potential, das größer und hoffentlich auch stärker ist.
